Dankesrede von Humaira Rasuli anlässlich der Verleihung des Shalom-Preises 2026

Meine Damen und Herren,

es ist so schön, heute bei Ihnen zu sein! Es ist mir eine große Ehre, den renommierten Shalompreis entgegenzunehmen, gerade jetzt, wo afghanische Frauen verzweifelt sind und keinen Zugang zu Bildung, Arbeit oder am öffentlichen Leben haben. Ich danke der gesamten Arbeitsgruppe für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt von ganzem Herzen dafür, dass sie mich mit diesem Preis ehrt.

Fast fünf Jahre sind vergangen, seit Kabul an die Taliban gefallen ist. Über Nacht änderte sich alles; alles, was wir aufgebaut hatten, schien zusammenzubrechen. Vor dem 15. August 2021 waren afghanische Frauen in verschiedenen Regierungsämtern tätig, von PolizeibeamtInnen bis hin zu Kabinettsmitgliedern. Dreieinhalb Millionen Mädchen besuchten die Schule. Hunderttausend Frauen studierten an Universitäten. 68 der 250 Abgeordneten im Parlament waren Frauen. Viele afghanische Frauen führten ihre eigenen Unternehmen.

Ich war eine von 3.000 Anwältinnen, von denen sich viele die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen widmeten. Heute sind diese Möglichkeiten für Frauen längst verschwunden.

Unterdessen verschlechtert sich die Sicherheitslage weiter. Seit Februar befindet sich Afghanistan in einem zeitweise auftretenden bewaffneten Konflikt mit Pakistan und ist gleichzeitig in grenzüberschreitende Gefechte mit militanten Gruppen verwickelt.

Gleichzeitig hat sich die drastische Kürzung der Entwicklungshilfe verheerend auf mein Heimatland ausgewirkt. Heute leidet jeder dritte Afghane unter akutem Hunger. Die Afghanen leiden zudem unter wirtschaftlicher Not, einer unterdrückerischen Regierung und systematischen Menschenrechtsverletzungen. Viele sind aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihres Glaubens von Ausgrenzung betroffen.

Meine Damen und Herren: Die Taliban haben im Januar ein neues Rechtsdekret erlassen, durch das Frauen einem erhöhten Risiko ausgesetzt werden. Nach diesem Dekret kann ein Ehemann, der seine Frau misshandelt, nur dann zur Rechenschaft gezogen werden, wenn die Schläge zu Knochenbrüchen oder sichtbaren Blutergüssen führen. Selbst dann könnte der Mann für höchstens 15 Tage inhaftiert werden. Das Dekret könnte Männer dazu veranlassen, ihre Frauen so zu schlagen, dass keine Knochenbrüche oder Spuren zurückbleiben!

Das Dekret ignoriert emotionale Gewalt, sexuelle Übergriffe und wirtschaftliche Nötigung und legt die Beweislast auf die Ehefrau. Dasselbe Dekret bestraft eine Frau dafür, dass sie sich beispielsweise mit ihren Eltern trifft, ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns und ohne das, was die Taliban als „rechtliche Rechtfertigung“ bezeichnen. Nehmen wir an, dass eine Ehefrau, nachdem sie zu Hause geschlagen wurde, zum Haus ihrer Eltern fährt und beschließt, dort einige Zeit zu verbringen. Wenn der Ehemann sie auffordert, zurückzukehren, und eine gerichtliche Entscheidung sie dazu anweist, die Ehefrau und ihre Eltern sich jedoch weigern, könnten die Ehefrau und ihre Eltern zu drei Monaten Haft verurteilt werden.

Ja, Sie haben richtig gehört! Ein gewalttätiger Ehemann, der seine Frau schwer verprügelt, bekommt 15 Tage hinter Gittern. Eltern, die ihrer misshandelten Tochter helfen, bekommen drei Monate Gefängnis – zusammen mit ihrer Tochter!

Insgesamt haben die Taliban laut Angaben der Vereinten Nationen im ersten Quartal dieses Jahres mindestens 312 Personen, darunter 39 Frauen und vier Jungen, körperlich bestraft belegt.

Was den Bildungssektor betrifft, so wurde mehr als 2 Millionen afghanischen Mädchen und Frauen seit der Machtübernahme durch die Taliban im Jahr 2021 der Zugang zu Sekundar- oder Hochschulbildung verwehrt. Doch glücklicherweise kommen aus Afghanistan nicht NUR schlechte Nachrichten. Die Realität ist, dass es auch heute noch mutige Menschenrechtsaktivisten gibt, darunter viele Frauen, die Netzwerke aufbauen, Ressourcen mobilisieren und sogar Straßenproteste organisieren, um Frauen zu stärken und Frieden und Stabilität zu fördern.

Vielleicht war mein Leben, genau wie Ihres, von vielen Wendungen geprägt. Ich stehe hier vor Ihnen als zweifache Geflüchtete. Als ich 12 Jahre alt war, schlossen die Taliban die Türen meiner Schule. Ich begann mich als 16-jährige Flüchtling in Pakistan für Menschenrechte einzusetzen. Heute arbeite ich hauptberuflich im Bereich Menschenrechte von den Vereinigten Staaten aus. Ich bin Amerika dankbar für das gute Leben und die Freiheit, die meine Familie und ich in den USA genießen. Aber ehrlich gesagt … ist der Schmerz nie weit weg. Er kehrt jedes Mal zurück, wenn ich von neuen Demütigungen höre, die die Taliban dem afghanischen Volk zufügen.

Ich habe eine gemeinnützige Organisation gegründet, die sich für den Schutz der Frauenrechte und die Rechenschaftspflicht für Verbrechen geschlechtsspezifischer Gewalt einsetzt, und leite diese Gruppe seit neun Jahren.

Unglaublicherweise haben die Taliban meiner Organisation gestattet, ihre Arbeit in Afghanistan fortzusetzen. Unsere Anwälte und psychosozialen Beraterinnen sind in sieben Provinzen in öffentlichen Gesundheitszentren und Gefängnissen tätig. Wir leisten Rechtsbeistand für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, Frauen, die mit Sorgerechts-, Scheidungs- oder Trennungsfragen zu kämpfen haben, Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts zu Unrecht wegen Straftaten angeklagt wurden.

Außerdem bieten wir psychosoziale Beratung für traumatisierte Frauen an. Für die Taliban ist der äußere Eindruck wichtig, und sie bestanden darauf, dass unser oberster Verantwortlicher in Afghanistan ein Mann ist.

Denn: „Wir wollen doch nicht, dass eine Frau eine Organisation zur Stärkung von Frauen leitet, oder?! Wer weiß, wohin das führen könnte!“ Die Taliban teilten uns außerdem mit, dass wir unseren Mandantinnen keine Rechtsberatung mehr in einer Anwaltskanzlei anbieten dürfen. Stattdessen müssen wir von öffentlichen Gesundheitszentren aus arbeiten. Aber meine Einstellung dazu ist: Wir arbeiten dort, wo wir arbeiten müssen, um unsere Aufgabe zu erfüllen. Mein Team inspiriert mich jeden Tag mit seiner Entschlossenheit, trotz der Herausforderungen voranzukommen – und obwohl wir unter einer Regierung leben, die der Überzeugung ist, dass Frauen von Männern kontrolliert und zum Schweigen gebracht werden sollten. Wenn ich an meine Kolleginnen in Afghanistan denke, mache ich mir Sorgen. Ich fürchte, dass sie mit offiziellen Repressalien konfrontiert werden könnten. Ich befürchte, dass sie von Ehemännern angegriffen werden könnten, die unzufrieden sind, dass ihre Frauen Rechtsbeistand oder Beratung erhalten. Ich befürchte, dass die Taliban unsere Organisation schließen könnten.

Meine Damen und Herren: Im Namen meines Heimatlandes möchte ich das Opfer würdigen, das der Westen beim Aufbau eines besseren Afghanistans gebracht hat – eines Landes, das Terrorismus, Extremismus und den Drogenanbau ablehnt und sich für Frieden und Menschenwürde einsetzt.

Viele tapfere junge amerikanische, britische und kanadische Soldaten sowie andere haben ihr Leben verloren. Andere kehrten mit schweren Verletzungen nach Hause zurück. Zwei Jahrzehnte lang haben westliche Regierungen enorme Summen aufgewendet und sich unermüdlich dafür eingesetzt, Afghanistan zu helfen. Dafür wird das afghanische Volk auf ewig dankbar sein. Es wäre verständlich, wenn die Menschen im Westen heute unter einer „Afghanistan-Müdigkeit“ leiden

und sich lieber auf andere Themen konzentrieren würden, wie den Krieg gegen die Ukraine oder den Krieg gegen den Iran. Aber ich bitte Sie inständig, im Namen meiner afghanischen Schwestern und Brüder:

Bitte vergessen Sie Afghanistan und die Schrecken, die dort geschehen, nicht. Die Taliban haben den Islam missbraucht, Frauen und Mädchen in den Haushalt verbannt und einen so schweren wirtschaftlichen Zusammenbruch herbeigeführt, dass manche Familien

eine Tochter verkaufen, um den Rest der Familie zu ernähren. Freunde des afghanischen Volkes sollten die Taliban zur Rechenschaft ziehen. Erkennen Sie die Taliban nicht als Regierung Afghanistans an. Ohne demokratische Wahlen ist ihre Herrschaft illegitim. Belohnen Sie die Taliban nicht mit Geschäftsabschlüssen, bis sie ihre repressive Politik, einschließlich frauenfeindlicher Maßnahmen in den Bereichen Arbeit und Bildung, aufgeben.

Bitte erwägen Sie, den bedürftigsten Afghanen lebensrettende Hilfe zukommen zu lassen. Bleiben Sie am Ball, informieren Sie sich darüber, was in Afghanistan geschieht, und erwägen Sie, gemeinnützige Organisationen, die dort tätig sind, zu unterstützen. Das Einzige, was schlimmer ist als eine lange Rede, ist eine lange Rede eines Anwalts, daher werde ich nun zum Schluss kommen. Aber lassen Sie mich noch einmal der Arbeitsgruppe für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt aufrichtig dafür danken, dass sie mich mit dieser Auszeichnung geehrt hat.

Ich nehme ihn nicht für mich selbst entgegen, sondern im Namen der Dutzenden von Mitarbeiterinnen- und Mitarbeitern, die derzeit mit Mut und Engagement in Afghanistan im Einsatz sind. Diese Ehrung gibt uns Inspiration, Anerkennung und Ermutigung.

Wenn Sie an afghanische Frauen denken, seien Sie sich bewusst, dass wir Inklusion statt Ausgrenzung, Einheit statt Spaltung und Frieden statt Gewalt vorziehen. Und wenn ich aus dem Friedensgebet zitieren darf: „Wo Verzweiflung ist, ist auch Hoffnung; wo Dunkelheit ist, ist auch Licht.“